{"id":308,"date":"2012-08-30T17:21:30","date_gmt":"2012-08-30T15:21:30","guid":{"rendered":"http:\/\/natalie-achermann.ch\/?p=308"},"modified":"2012-08-30T17:21:30","modified_gmt":"2012-08-30T15:21:30","slug":"zacken-nummer-47","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.natalie-achermann.ch\/?p=308","title":{"rendered":"Zacken Nummer 47"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zacken Nummer 47<\/strong><\/p>\n<p>Jacob Miller ist mein Name. Ich habe meine besten Jahre bereits hinter mir, obwohl ich mich eigentlich an kein sonderlich gutes Jahr erinnern kann. Das sch\u00fcttere Haar auf meinem Kopf weist erste graue Zonen auf, meist untermalen dunkle Augenringe meine sonst eher unauff\u00e4lligen graublauen Augen und in der Mitte meines Gesichts sitzt eine etwas zu gross geratene Nase. Doch im Grunde genommen spielt das alles gar keine Rolle. Denn hier und jetzt bin ich nichts weiter als eine Nummer. Eine Nummer ohne Gesicht, ohne Geschichte und ohne Gef\u00fchle. Ich bin Nummer 47. Nicht einmal eine gute Nummer, wenn wir ehrlich sind. In der Akte 47 stehen Dinge wie \u00abledig\u00bb, \u00abkinderlos\u00bb, und so weiter. Vielleicht steht da aber auch nur \u00abArbeitsplatz Nummer 47, Name: Jacob Miller.\u00bb<\/p>\n<p>Ich weiss es nicht, denn was weiss ich schon? Ich bin nur ein Zahnrad einer grossen B\u00fcrokratie, ach nein, was rede ich hier, ein kleiner Zacken eines Zahnrades, das man m\u00fchelos mit irgendeinem anderen ersetzen k\u00f6nnte &#8211; eben, Zacken Nummer 47. Die Firma w\u00fcrde auch ohne mich bestens funktionieren. Ich weiss das, meine Mitarbeiter wissen das und mein Vorgesetzter weiss das nur zu gut. Denn er gibt mir gerade in diesem Moment mehr als deutlich zu verstehen, dass ich f\u00fcr ihn nur der letzte Abschaum bin. Nat\u00fcrlich in einer Lautst\u00e4rke, die selbst in der hintersten Ecke des Grossraumb\u00fcros zu vernehmen ist. Ich sp\u00fcre die schadenfreudigen Blicke meiner sogenannten Arbeitskollegen in meinem Nacken und h\u00f6re das Gekicher der B\u00fcrozicken, die sich jedesmal k\u00f6stlich \u00fcber mein Versagen am\u00fcsieren. Mit zittriger Hand wische ich mir die Schweissperlen von der Stirn und stammle einen ersten Erkl\u00e4rungsversuch. Er f\u00e4llt mir ins Wort. Ich versuche mich zu verteidigen. Er wird nur noch aggressiver. Also endet es, wie es immer endet. Ich entschuldige mich kleinlaut. Das einzige, was er zul\u00e4sst. Kriechen, um Gnade flehen. Ich murmle etwas wie: \u00abdas wird nicht wieder vorkommen.\u00bb Wir beide wussten schon von Anfang an, dass dieses Gespr\u00e4ch so enden w\u00fcrde. Mit breitem Grinsen im Gesicht und den Worten: \u00abDas bezweifle ich!\u00bb verl\u00e4sst er meinen Arbeitsplatz wieder.\u00a0Mein Blick wandert hektisch \u00fcber die am\u00fcsierten Gesichter im Raum, die ohne es zu verbergen, gespannt abwarten, wie meine Reaktion ausfallen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re nicht das erste Mal, dass ich nach einem solchen Vorfall den Raum v\u00f6llig \u00fcberst\u00fcrzt, mit hochrotem Kopf verlasse, w\u00e4hrend die erste dicke Tr\u00e4ne meine Wange herunterkullert. Ja, werter Leser, sprich nur aus, was du gerade denkst. Ich bin ein Loser. Sogar ich selber weiss das. Aber heute reagiere ich gefasst. Diesen Triumph wollte ich ihnen nicht g\u00f6nnen. Ich schlucke einmal leer, drehe meinen Stuhl wieder in Richtung des Computers und starre apathisch in den Bildschirm. Versuche jeden meiner Gedanken auf das Flimmern zu konzen-trieren. Meine Gef\u00fchle auf diese Maschine zu kanalisieren, um den \u00fcber l\u00e4ngere Zeit unvermeidbare Nervenzusammenbruch hinauszuschieben.<\/p>\n<p>Ich weiss nicht, wie lange ich den Computer in dieser hypnotisierenden Weise angestarrt habe, aber irgendwann muss wohl der erl\u00f6sende Feierabend gekommen sein und irgendwie muss ich dem B\u00fcrokomplex offenbar entkommen sein. Jetzt sitze ich in der U-Bahn und starre genauso apathisch aus dem Fenster, obwohl hinter der Scheibe nur die Schw\u00e4rze des New Yorker Untergrunds zu sehen ist.<\/p>\n<p>Zuhause wartet Molly auf mich. Eine treue Seele, die f\u00fcr meine Sorgen immer ein offenes Ohr hat. Wobei Ohr vielleicht das falsche Wort ist, Schildkr\u00f6ten haben schliesslich keine richtigen Ohren&#8230; nur zwei L\u00f6cher im Kopf&#8230; und einen Geh\u00f6rgang, aber egal&#8230;\u00a0Zur Begr\u00fcssung reckt sie ihren faltigen Hals in meine Richtung und guckt einschl\u00e4fernd durch die matte Scheibe ihres Terrariums. Ich strecke meine Hand hinein und warte, bis sie nach einer gef\u00fchlten Stunde auf sie gekrochen ist. \u00abMolly, ich konnte es nicht tun&#8230;\u00bb \u00abFeigling!\u00bb kr\u00e4chzt das Runzelgesicht. \u00abEs war nicht der richtige Zeitpunkt&#8230;\u00bb \u00abAusrede!\u00bb \u00abDas ganze ist nicht so einfach&#8230;\u00bb \u00abDu hast nur Angst!\u00bb widerspricht sie, \u00abNein&#8230;\u00bb Ich meine ein siegesgewisses L\u00e4cheln auf dem Schildkr\u00f6tenmund zu erkennen, \u00abmorgen ist auch noch ein Tag!\u00bb tr\u00f6stet sie mich \u00abJa, morgen&#8230;\u00bb<\/p>\n<p>Ich ziehe den Vorhang zu. Alles, was ich will, ist alleine sein. Diese d\u00e4mlichen Visagen aus meiner Erinnerung l\u00f6schen.\u00a0Doch mit der Dunkelheit kommen auch die verdr\u00e4ngten Gesichter wieder zum Vorschein und in meinem Traum sind ihre Grimassen noch verzerrter. Das Grinsen zieht sich bis zu den Ohren rauf. Das Lachen klingt noch hysterischer und der Schmerz Tief in der Brust ist noch unertr\u00e4glicher. Ich sehe mich, wie ich die unterste Schublade meines B\u00fcrokorpus \u00f6ffne, hineingreife und meine Waffe hervorhole. Die schadenfreudigen Blicke weichen pl\u00f6tzlich einem angsterf\u00fcllten, panischen Ausdruck. Und ich sp\u00fcre das befreiende Gef\u00fchl, ihnen einem nach dem anderen die Visage zu zerfetzen. Schuss f\u00fcr Schuss f\u00fchle ich endlich das Gef\u00fchl der Macht, Freiheit und Respekt. Ich h\u00f6re ein schallendes Lachen und erkenn den Klang meiner eigenen Stimme kaum wieder. Zu lange schon hatte ich keinen Grund mehr zu lachen.<\/p>\n<p>Als mein Traum j\u00e4h durch den klingenden Wecker unterbrochen wird kann ich es ganz genau f\u00fchlen: Ich bin soweit. Heute werde ich es tun.\u00a0Die Gestalt die vor mir im Badezimmer-spiegel steht macht einen erb\u00e4rmlichen Eindruck. Bin das wirklich ich? Ich war schon immer etwas pummelig. Bereits in der Grundschule wurde ich deswegen geh\u00e4nselt. Ich hatte die gemeinen Streiche, die fiesen Spr\u00fcche und Sticheleien nur deshalb ertragen, weil ich immer geglaubt habe, dass es eines Tages besser werden w\u00fcrde. Ich dachte, unter Erwachsenen w\u00fcrde man sich mit Respekt begegnen. Doch offensichtlich hatte ich mich get\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Mit dem Blick in den Spiegel schwindet mein Mut wieder. Ich komme mir l\u00e4cherlich vor. Wie sollte so eine Witzfigur wie ich jemandem Respekt einfl\u00f6ssen k\u00f6nnen?\u00a0Auf dem Weg zum B\u00fcro ist von der anf\u00e4nglichen Entschlossenheit nichts mehr \u00fcbrig. In der U-Bahn h\u00f6re ich die Leute hinter meinem R\u00fccken kichern. Bestimmt machen sie sich \u00fcber mich lustig. \u00dcber meine pummelige Gestalt oder die altmodische Kleidung, meine Halbglatze oder die dicke Hornbrille&#8230; es gibt genug, wor\u00fcber sie sich am\u00fcsieren k\u00f6nnten. Auf der Strasse habe ich das Gef\u00fchl, dass die Leute mir verachtende Blicke zuwerfen. Manche lachen beim Vorbeigehen -bestimmt \u00fcber mich. Fast schon bin ich froh, den Ort des Schreckens \u2013 mein B\u00fcro \u2013 endlich zu erreichen.<\/p>\n<p>Mit h\u00e4ngenden Schultern schlurfe ich so unauff\u00e4llig es eben geht durch die G\u00e4nge. Kurz vor meinem Arbeitsplatz stolpere ich. War ich \u00fcber meine eigenen F\u00fcsse gestolpert, oder hat mir jemand das Bein gestellt?\u00a0Ich rapple mich auf und verkriech mich so schnell es geht hinter meinem Bildschirm. Ich sollte es tun&#8230; jetzt! Mein Blick schweift zu der verheissungsvollen Schublade. Das ist der einzige Ausweg, da bin ich mir sicher. Langsam \u00f6ffne ich die Schublade. Mit zittriger Hand und nicht halb so entschlossen wie in meinem Traum greife ich nach der Waffe.<\/p>\n<p>Ein lauter Knall durchbricht das monotone Ger\u00e4usch der surrenden PCs. Jemand schreit. Panik bricht aus. Ein zweiter Schuss f\u00e4llt. Ich starre auf die Waffe in meiner Hand \u2013 sie ist unbenutzt. Tr\u00e4ume ich? Ein weiterer Schuss f\u00e4llt. Vor meinen Augen bricht mein Chef mit einem grossen Loch im Kopf zusammen. Nein, das ist kein Traum. Das hier passierte wirklich. Ich schlucke einmal leer und erhebe mich langsam, um einen Blick \u00fcber die Trennwand zu wagen. Am Eingang steht er. Ich habe ihn schon ein par Mal gesehen, er ist mir jedoch nie wirklich aufgefallen. Ich glaube, er verteilt die interne Post unter den Mitarbeitern&#8230;<\/p>\n<p>Sein Gesicht wirkt teilnahmslos als er die Sekret\u00e4rin, die bereits wimmernd am Boden liegt abknallt. Langsam kehrt Stille ein. Wer nicht fliehen konnte, lag am Boden. Tot oder zumindest schwer verletzt. Er kommt auf mich zu. In meiner Hand halte ich noch immer die Waffe. Er kann sie nicht sehen, da die Trennwand zwischen uns steht.\u00a0Er sieht mich an und senkt die Waffe. Meine Stimme ist nicht mehr als ein Fl\u00fcstern: \u00abWieso hast du das getan?\u00bb \u00abDas fragst gerade du?\u00bb Er schweigt einen Moment und mustert mich mitleidig, \u00abich hatte es satt&#8230; all die Sticheleien, die miesen Spr\u00fcche, die schadenfreudigen Blicke&#8230;\u00bb ich schlucke leer und starre ihn ungl\u00e4ubig an. Das h\u00e4tten genauso gut meine Worte sein k\u00f6nnen. Und dennoch kann ich kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihn aufbringen, seine Reaktion war einfach&#8230; irgendwie falsch&#8230; hatte ich nicht noch vor wenigen Augenblicken das selbe vorgehabt? Unvorstellbar. Er unterbricht meine Gedanken: \u00abKeine Angst, dich werde ich nicht t\u00f6ten. Du bist die einzige Witzfigur in diesem Unternehmen, die noch erb\u00e4rmlicher dran ist als ich.\u00bb \u00abErb\u00e4rmlicher als du? Du verteilst die Post&#8230;\u00bb \u00abVielleicht solltest du etwas aufpassen, wie du mit dem Mann mit der Waffe in der Hand sprichst, du Vollidiot!\u00bb Meint er und unterstreicht seine Drohung indem er die Waffe wieder auf mich richtet. \u00abDas selbe k\u00f6nnte ich auch zu dir sagen&#8230;\u00bb wieder wird die Stille von einem Knall durchbrochen. Das erwartete Gef\u00fchl von Macht oder Freiheit bleibt aus. Ich f\u00fchlte nur Mitleid und Schuld, als ich ihn leblos zu Boden sacken sehe.<\/p>\n<p>Als ich das B\u00fcro nach der angeordneten Auszeit wieder betrete begr\u00fcssen mich meine Arbeitskollegen \u00fcberschwenglich. Dass in mir ein wahrer Held stecke, h\u00e4tten sie schon immer gewusst.<\/p>\n<p>Natalie Achermann (August 2011)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zacken Nummer 47 Jacob Miller ist mein Name. Ich habe meine besten Jahre bereits hinter mir, obwohl ich mich eigentlich an kein sonderlich gutes Jahr erinnern kann. 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