{"id":407,"date":"2012-08-31T14:31:51","date_gmt":"2012-08-31T12:31:51","guid":{"rendered":"http:\/\/natalie-achermann.ch\/?p=407"},"modified":"2012-09-03T16:13:28","modified_gmt":"2012-09-03T14:13:28","slug":"meine-letzte-meile-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.natalie-achermann.ch\/?p=407","title":{"rendered":"Meine letzte Meile"},"content":{"rendered":"<p><strong>Text: Natalie Achermann<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sprecherin: Muriel Roth<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/natalie-achermann.ch\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Meine-letzte-Meile.mp3\">Meine letzte Meile<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Meine letzte Meile<\/strong><\/p>\n<p>Jetzt ist es so weit. Es erscheint mir wie in einem Traum, einem schlechten Traum nat\u00fcrlich, als es durch den Saal hallt \u201eRondo Alla Turca, gespielt von Natalie Achermann.\u201c Die Stimme meines Klavierlehrers scheint wie aus einer anderen Welt zu mir durchzudringen und doch weiss ich, wir befinden uns in der selben Welt, nein, gar im selben Raum \u2013 und zwar in der bis zur hintersten Reihe gef\u00fcllten Aula der Primarschule Altenburg.<\/p>\n<p>Es wird gespenstisch still, als der Lehrer sich wieder setzt und der Hall seiner Stimme verklingt. Ich stehe von meinem Platz in der letzten Reihe etwas zu ger\u00e4uschvoll auf. Alle Augen richten sich auf mich. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Ich habe das Gef\u00fchl, dass mein leeres Schlucken genauso laut, wie zuvor die Stimme meines Lehrers durch den Saal hallt. In mir zieht sich alles zusammen. Das flaue Gef\u00fchl in der Magengegend ist unertr\u00e4glich.<\/p>\n<p>Der Gang zum Fl\u00fcgel erscheint mir eine Meile lang zu sein \u2013 und f\u00fchlt sich an, wie meine letzte Meile. R\u00e4uspern, leises Gefl\u00fcster, St\u00fchle werden zurechtger\u00fcckt, die Ungeduld breitet sich von Reihe zu Reihe langsam \u00fcber das ganze Publikum aus &#8211; wie eine Welle. Wer kann es ihnen ver\u00fcbeln. Sie alle kamen, um den Vortrat ihres eigenen Kindes zu h\u00f6ren und doch m\u00fcssen sie bis zuletzt ausharren \u2013 genau, ich bin die Letzte, der kr\u00f6nende Abschluss des Abends. Und ich sp\u00fcre, wie diese Verantwortung schwer auf meinen Schultern lastet. Dabei sind meine Knie bereits weich genug. Nein, das hier geht \u00fcber weiche Knie hinaus. Wie Butter, die an der gleissenden Sonne stehengelassen wurde oder Zuckerwatte, nur nicht ganz so klebrig. Ein Wunder also, dass sie mich \u00fcberhaupt vorw\u00e4rts tragen.<\/p>\n<p>Willenlos schleppen meine Beine mich die Stufen zur B\u00fchne hinauf, mechanisch legen meine F\u00fcssen die letzen Meter \u00fcbers Parkett zur\u00fcck bis zum Fl\u00fcgel und schicksalsergeben setzt sich mein K\u00f6rper auf den Hocker. Dabei schreit alles in mir nach Flucht. Ich will den Hocker von mir Stossen, von der B\u00fchne herunterspringen, den Gang in schnellen, langen Spr\u00fcngen hinter mir zur\u00fccklegen und der Aula, die f\u00fcr mich im Moment einem Gef\u00e4ngnis gleichkommt entfliehen&#8230; Doch ich kann nicht. Wie hypnotisiert starre ich auf die weissen und schwarzen Tasten des Fl\u00fcgels.<\/p>\n<p>Noten habe ich keine dabei. Ich spiele immer ohne Noten. Doch dahinter verbirgt sich kein erstaunliches Talent, wie man auf den ersten Blick vielleicht meinen k\u00f6nnte. Viel mehr liegt der Grund daf\u00fcr in meinen mangelnden F\u00e4higkeiten im Notenlesen. Die vielen Punkte und Striche w\u00fcrden mir keine Hilfe sein, wenn ich w\u00e4hrend des Spielens den Faden verlieren w\u00fcrde. Meistens spielen meine Finger die richtigen Tasten wie von alleine, nachdem ich ein St\u00fcck ein paar Mal m\u00fchsam anhand der Noten entziffert habe. In meinem Kopf sehe ich die Bewegungen auf den Tasten genau vor mir. Es f\u00e4llt mir dann auch nicht schwer Seite f\u00fcr Seite auswendig vorzutragen. Meine H\u00e4nde finden die n\u00f6tigen Tasten von alleine und ich kann mich auf die Betonung einzelner Noten und die gef\u00fchlvolle Verwendung des Pedals konzentrieren, um dem mechanischen Ablauf die n\u00f6tige Emotion mitzuliefern. Alles in allem also ein ziemlich gefahrloses Unterfangen. Doch was passiert, wenn meine Finger die richtige Taste verfehlen? Einfach weiterspielen? Manchmal ja, da klappt das. Doch in den meisten F\u00e4llen bringt mich ein kleiner Fehler so sehr aus dem Konzept, dass mein ganzes Spiel ins Stocken ger\u00e4t. Die richtigen Noten verschwinden aus meinem Kopf und meine Finger verharren hilflos in peinlicher Stille. Mein Lehrer zeigt mir dann immer, wo genau ich mich in diesem Moment auf dem Notenblatt befinde, doch mittlerweile weiss auch er, dass mir das kein bisschen hilft.\u00a0Zu Konzerten bringe ich die Noten daher gar nicht erst mit. Mich machen sie eher nerv\u00f6s, als dass sie mir Halt bieten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re ein R\u00e4uspern aus der ersten Reihe des Saals. Mein Lehrer tupft sich mit einem Taschentuch die Schweissperlen von der Stirn. Wahrscheinlich sieht auch er bereits meinen verpatzten Auftritt vor seinem geistigen Auge. Zumindest scheint er fast genauso nerv\u00f6s zu sein wie ich. Mit einer hektischen Handbewegung gibt er mir zu verstehen, dass ich endlich anfangen soll.<\/p>\n<p>Ein letztes Mal pr\u00fcfe ich alle M\u00f6glichkeiten, diesem Albtraum entkommen zu k\u00f6nnen. Einfach aufstehen, mich entschuldigen und den Abend fr\u00fchzeitig f\u00fcr beendet erkl\u00e4ren? Da h\u00e4tten alle etwas davon&#8230; Oder dem Drang mich zu \u00fcbergeben nachgeben und dann warten, bis alle angewidert den Saal verlassen? Auch eine durchaus denkbare Option. Doch egal wie ich es drehe und wende, eine Blamage w\u00e4re es jedes Mal. Der einzige Ausweg w\u00e4re ein fehlerfreier Vortrag von Mozart\u2019s t\u00fcrkischem Marsch. Ich seufze und taste mich mit meinen Fingern zu der richtigen Anfangsstelle auf dem Fl\u00fcgel vor.<\/p>\n<p>Als ich mein Spiel endlich beginne verstummen die von der Ungeduld gepr\u00e4gten Ger\u00e4usche im Saal. Kein Stuhlr\u00fccken, kein H\u00fcsteln oder R\u00e4uspern, kein Gefl\u00fcster unterbricht den Klang dieses wunderbaren Instruments.\u00a0Dennoch schaffe ich es nicht, das Publikum um mich herum auszublenden. Bei jedem gespielten Ton ist mir deren Anwesenheit bewusst. Hunderte von Ohren werden jeden kleinsten Fehler h\u00f6ren. Alle Augenpaare verfolgen die \u00fcber die Tasten tanzenden Finger und bel\u00e4cheln wahrscheinlich meinen vor Anspannung verkrampften Gesichtsausdruck. Sicherlich kein anmutiger Anblick. Als w\u00fcrde es eine Rolle spielen, wie ich aussehe beim Klavier spielen. Nein, es ist v\u00f6llig egal, schliesslich starrt auch nicht ein Saal voll von Menschen nur auf mich in diesem Moment.<\/p>\n<p>So sehr versunken in meine Versagens\u00e4ngste, nehme ich mein Spiel kaum wahr und erschrecke fast schon ein wenig, als ich die letzten Z\u00fcge des St\u00fccks erreiche.\u00a0Ich wog mich bereits in Sicherheit, als es passierte. Und das kurz vor dem grossen Finale. Meine Finger geraten ins Straucheln. Ich versuche das Tempo zu halten, doch ich finde nicht zur\u00fcck zum richtigen Takt. Die Melodie in meinem Kopf stimmt nicht mehr mit der Bewegung meiner Finger \u00fcberein. Eine Leere breitet sich unaufhaltsam in meinem Kopf aus. Und peng \u2013 ich verfehle die richtige Taste. Ein Klang so falsch, dass Wolfgang sich im Grab umdrehen w\u00fcrde dr\u00f6hnt uns um die Sch\u00e4del. Wie ich dann die \u00fcbrigen Noten noch heil \u00fcber die B\u00fchne gebracht habe weiss ich nicht. Jetzt verklingt der letzte Ton des Fl\u00fcgels und v\u00f6llige Stille kehrt ein. Nur f\u00fcr eine Sekunde. Doch f\u00fcr mich bricht in dieser Zeitspanne die Welt zusammen. Ich wage es nicht, in die entt\u00e4uschten Gesichter zu blicken. Bis der Saal pl\u00f6tzlich von tosendem Applaus \u00fcberrumpelt wird. Ungl\u00e4ubig blicke ich in die Menge. Und was ich in ihren Augen sehe ist keine Entt\u00e4uschung, kein Wehmut, Nasenr\u00fcmpfen oder gar Bemitleiden nur pure und ehrliche Begeisterung.\u00a0Mit offenem Mund starr ich mein Publikum an \u2013 sie hatten den s\u00fcndhaft falschen Ton nicht bemerkt.<\/p>\n<p>Natalie Achermann (September 2011)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text: Natalie Achermann Sprecherin: Muriel Roth Meine letzte Meile &nbsp; &nbsp; Meine letzte Meile Jetzt ist es so weit. 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